„Aber dafür haben wir JETZT keine Zeit.”
Die Uhr läuft, die Tagesordnung ist voll, der nächste Termin wartet schon. Also gehen wir weiter – obwohl in genau diesem Moment vielleicht etwas auftaucht, das eigentlich nicht übergangen werden dürfte: eine brennende Schülerfrage, ein spannender neuer Projektgedanke im Team, ein unausgesprochenes Problem, das alle spüren.
Ein altes Dilemma bzgl des Zeitbegriffes liefern schon die alten Griechen, was sie sprachlich erstaunlich treffend beschrieben, da sie zwischen #Chronos und #Kairos unterschieden: Chronos, die messbare, getaktete Uhrzeit, und Kairos, der bedeutungsvolle, richtige bzw. günstige Moment. Im Schulalltag dominiert meist der Chronos. Doch pädagogisch und menschlich entscheidend ist oft der Kairos. Die Kunst besteht nicht darin, Chronos abzuschaffen, sondern Kairos nicht zu verlieren. Und genau dafür kann ein Spannungsspeicher einen Raum schaffen.
Diese “Spannungen” sind in dem Moment wichtig, aber der Moment ist vielleicht nicht “richtig”, um sich bewusst, möglich ohne Zeitdruck und lösungsorientiert damit zu beschäftigen. Man schafft für sie einen Raum – einen Spannungsspeicher und man nimmt sich bedarfsorientiert Zeit, diese Spannungen zu lösen.
Der Spannungsspeicher im Unterricht: Das Kairos-Problem im Klassenzimmer
Laut unzähligen methodisch-didaktischen Lehrwerken folgt der Unterricht meistens einem Plan. Aber Lernen passiert oft genau dann, wenn ein Schüler eine Frage stellt, die weit über den Stoff hinausgeht, wenn eine Diskussion entsteht, die alle packt, oder wenn ein Missverständnis sichtbar wird, das tiefer reicht als erwartet.
Die klassische Reaktion: Kurz innehalten, dann weitermachen. „Das besprechen wir ein anderes Mal.” Dieses „andere Mal” kommt selten.
Mit einem sichtbaren Spannungsspeicher im Klassenraum – ein Plakat, eine Pinnwand oder notfalls auch ein digitales Board via QR-Code schnell erreichbar – entsteht eine Kultur des Nicht-Vergessens. Der Gedanke verschwindet nicht. Er wird gewürdigt, festgehalten und bekommt einen versprochenen Platz.
Die positiven Effekte auf den Lernprozess: Schülerinnen und Schüler erleben Ernsthaftigkeit ihrer Fragen, Anregungen, Probleme und Ideen, und dabei entstehen Räume für echtes Denken und lösungsorientierten Austausch. Man müsste sich nur noch über den passenden Zeitpunkt einigen, um den regelmäßig zu leeren.
Der Spannungsspeicher in der Schulentwicklung
Das strukturelle Problem von Meetings
Wer schon einmal in einer Steuergruppen- oder Lehrerkonferenzsitzung war, kennt das Muster: Die Tagesordnung ist voll. Wichtige Gedanken kommen auf – und werden unter den Tisch gekehrt, weil sie nicht auf der Agenda stehen.
Wie er in Schulteams funktioniert
In der Schulentwicklung werden auftauchende Spannungen nicht als Störung gesehen, sondern als Ausgangspunkt für Veränderung:
➡️ Manche lassen sich schnell klären
➡️ Manche werden delegiert
➡️ Manche reifen zu echten Projekten.
In Trafo-Teams und Steuergruppen hat sich folgendes Vorgehen bewährt:
- Spannungen werden laufend gesammelt – nicht nur in Sitzungen, sondern auch zwischendurch, wann immer etwas auffällt.
- Ein fester Rhythmus wird etabliert: Wann leeren wir den Speicher? Das kann am Ende eines Workshoptags sein, im monatlichen Teammeeting oder in einer eigens dafür reservierten Sitzung.
- Die Bearbeitung ist lösungsorientiert: Nicht jede Spannung braucht eine lange Diskussion. Manche lösen sich durch kurze Klärung, manche werden delegiert, manche reifen zu Projekten.
Praktische Hinweise für den Einstieg
Wer den Spannungsspeicher ausprobieren möchte, braucht nicht viel:
Material:
- Eine Pinnwand, ein Whiteboard oder ein digitales Tool (z. B. Miro, Padlet, Trello)
- Post-its oder Haftnotizen
- Stifte, die immer neben dem Speicher zur Verfügung stehen.
Regeln, die sich bewährt haben:
- Jede Spannung bekommt einen Post-it – kurz und prägnant formuliert
- Name der Person draufschreiben – für Rückfragen und Kontext
- Kein Bewerten beim Eintragen
- Rhythmus finden: Jede Gruppe braucht ihre Zeit, um den richtigen Rhythmus zum Füllen und Leeren des Speichers zu entdecken.
Die entscheidende Haltungsänderung
Der Spannungsspeicher ist mehr als eine Methode. Er ist ein Bekenntnis zu einer anderen Kultur: Wir nehmen uns und unsere Gedanken ernst. Wir schaffen Räume für Ungeplante. Wir verstehen Entwicklung als lebendiges System, das auf Impulse reagiert. Es geht nicht darum, die “Spannungen” als Störungen zu vermeiden, sondern die Spannungen differenziert wahrzunehmen und damit effizient sowie lösungsorientiert umzugehen.
Das ist der Kern des Loop Approach: Agilität bedeutet nicht Planlosigkeit. Sie bedeutet, gute Strukturen für das Unplanbare zu haben.
